Flow State: Wie du durch Yoga zurück ins Fließen findest

Kennst du diesen Moment, in dem du völlig in deiner Tätigkeit versinkst? Die Zeit steht still, du bist wach, klar und irgendwie... frei. Vielleicht hast du das schon mal auf deiner Yogamatte erlebt. Oder beim Malen, beim Laufen, in einem Gespräch, das dich so richtig berührt hat.

Diesen Zustand nennen wir Flow State. Und ich glaube, er ist eines der kostbarsten Geschenke, die wir uns selbst machen können.

Aber warum erleben wir ihn so selten? Was hält uns davon ab, regelmäßig in dieses Fließen einzutauchen – obwohl wir uns doch genau danach sehnen?

In diesem Artikel zeige ich dir, was hinter dem Flow State steckt, warum alte Muster dich vielleicht blockieren und wie du mit einfachen Yoga-Übungen wieder zurück ins Fließen findest. Und ja – ich teile auch eine ganz persönliche Geschichte mit dir. Weil ich glaube, dass wir am meisten lernen, wenn wir ehrlich miteinander sind.

Was ist ein Flow State – und warum fühlt er sich so gut an?

Vielleicht hast du schon mal von Mihály Csíkszentmihályi gehört, dem Psychologen, der den Flow State wissenschaftlich erforscht hat. Aber keine Sorge – ich werde jetzt nicht akademisch. Denn Flow lässt sich nicht wirklich erklären. Man muss ihn fühlen.

Stell dir vor: Du bist so vertieft in das, was du tust, dass alles andere verschwindet. Dein innerer Kritiker ist still. Du denkst nicht nach, du tust einfach. Die Handlung fließt aus dir heraus – mühelos, natürlich, mit Freude.

Das Schöne daran ist: Dieser Zustand ist nicht reserviert für Spitzensportler oder Künstler. Er ist für uns alle da. Für dich. Für mich. Für jeden, der bereit ist, sich ganz auf einen Moment einzulassen.

Im Yoga kennen wir diesen Zustand seit Jahrtausenden. Die alten Yogis nannten es vielleicht nicht "Flow State", aber sie wussten genau, wovon wir sprechen. Es ist der Moment, in dem Körper, Atem und Geist eins werden. In dem du aufhörst, Yoga zu machen – und anfängst, Yoga zu sein.

Und weißt du was? Flow ist nicht Entspannung. Es ist nicht das Gefühl, wenn du abends erschöpft auf der Couch liegst. Flow ist aktive Versenkung. Du bist gleichzeitig ganz ruhig und ganz lebendig.

Was dich vom Flow State abhält: Samskaras und alte Muster

So, jetzt wird es spannend. Denn wenn Flow so wunderbar ist – warum erleben wir ihn dann nicht ständig?

Die Yogaphilosophie hat dafür ein wunderbares Wort: Samskaras. Das sind tief eingeprägte Denk- und Verhaltensmuster, die sich über Jahre in uns eingenistet haben. Sie laufen automatisch ab, oft ohne dass wir es merken. Und sie halten uns in alten Bahnen fest.

In der westlichen Psychologie nennen wir sie Überlebensstrategien. Verhaltensweisen, die wir uns meist in der frühen Kindheit angeeignet haben, um uns sicher zu fühlen. Um klarzukommen in einer Welt, die manchmal überwältigend war.

Diese Strategien haben uns damals gedient. Sie waren klug. Sie waren notwendig. Aber heute? Heute können sie uns bremsen.

Ich möchte dir ein ganz persönliches Beispiel geben.

Als ich noch ein Baby war, trennten sich meine Eltern. Ich war zu klein, um zu verstehen was passierte, aber ich spürte die Unsicherheit. Die Unberechenbarkeit. Und irgendetwas in mir beschloss: Ich muss planen. Ich muss vorausdenken. Ich muss sicherstellen, dass alles an seinem Platz ist.

Also wurde ich zur Planerin. Zur Organisatorin. Zu der, die immer schon drei Schritte voraus denkt.

Und das hat mir geholfen. Wirklich. Es gab mir ein Gefühl von Kontrolle in einer Zeit, in der vieles unsicher war. Es ließ mich nachts ruhiger schlafen.

Aber heute? Heute merke ich, wie diese permanente Vorausplanung mich manchmal aus dem Moment zieht. Ich bin gedanklich schon beim nächsten Schritt, während ich noch mitten im jetzigen stecke. Spontanität fällt mir schwer. Und der Flow? Der bleibt aus, wenn mein Kopf ständig in der Zukunft ist.

Vielleicht erkennst du dich in irgendeiner Form wieder. Vielleicht ist es bei dir nicht Planung, sondern Perfektionismus. Oder die Angst, Fehler zu machen. Oder das Gefühl, immer funktionieren zu müssen.

Das sind alles Samskaras. Alte Freunde, die uns eigentlich beschützen wollten.

Deine Schwächen sind Superkräfte in Verkleidung

Und jetzt kommt der Teil, der mir ganz ganz wichtig ist.

Deine Muster sind nicht dein Feind. Sie sind nicht etwas, das du bekämpfen oder loswerden musst. Sie sind ein Teil von dir, der dich lange Zeit beschützt hat. Und dafür verdienen sie Respekt.

Im Yoga sprechen wir von Ahimsa – Gewaltlosigkeit. Und das gilt nicht nur im Umgang mit anderen, sondern vor allem im Umgang mit dir selbst. Also: Keine Gewalt gegen deine eigenen Schwächen. Kein innerer Krieg.

Stattdessen darfst du mit Mitgefühl hinschauen. Dich bei deinen alten Strategien bedanken. Und dann – ganz sanft – fragen: Dient mir das heute noch? Oder ist es Zeit, etwas Neues zu lernen?

Bei mir war es so: Ich habe erkannt, dass mein Hang zur Planung nicht nur hinderlich ist. Er ist auch eine echte Stärke. Ich kann unglaublich gut strukturieren, organisieren, Dinge auf die Reihe bringen. Diese Fähigkeit ist wertvoll. Sie darf bleiben.

Aber ich lerne, sie bewusst einzusetzen – statt mich von ihr kontrollieren zu lassen. Ich übe, auch mal loszulassen. Nicht alles durchzuplanen. Dem Moment zu vertrauen.

Und so entsteht Raum. Raum für beides. Für Flow und Struktur. Für Vertrauen und Sicherheit. Für Lebendigkeit und Achtsamkeit.

Deine Schwäche ist vielleicht auch eine Superkraft in Verkleidung. Du musst sie nur umdrehen und von der anderen Seite betrachten.

3 Yoga-Übungen, die dich in den Flow State führen

Jetzt wird es praktisch. Denn ich möchte dir nicht nur erzählen, was Flow ist – ich möchte dir zeigen, wie du ihn erleben kannst.

Diese drei Übungen helfen mir persönlich, aus dem Kopf in den Körper zu kommen. Sie sind einfach, brauchen keine Vorkenntnisse und du kannst sie jederzeit machen. Ob du seit Jahren Yoga praktizierst oder gerade erst anfängst.

1. Der 4-7-8 Atem: Dein Nervensystem beruhigen

Bevor du in den Flow kommst, muss dein Nervensystem wissen: Du bist sicher. Alles ist gut. Und genau das signalisiert diese Atemübung.

So geht's:

  • Atme durch die Nase ein und zähle dabei bis 4
  • Halte den Atem an und zähle bis 7
  • Atme durch den Mund aus und zähle bis 8
  • Wiederhole das 3-4 Mal

Das Ausatmen ist länger als das Einatmen – und genau das aktiviert deinen Parasympathikus, den Teil deines Nervensystems, der für Ruhe und Entspannung zuständig ist.

Mein Tipp: Ich mache diese Übung oft, bevor ich auf die Matte gehe. Oder vor einem wichtigen Gespräch. Oder einfach zwischendurch, wenn ich merke, dass mein Kopf zu voll ist.

2. Bewusster Sonnengruß: Bewegung als Meditation

Der Sonnengruß ist wie ein Tanz zwischen Atem und Bewegung. Und wenn du ihn bewusst machst – nicht schnell, nicht perfekt, sondern präsent – dann kann er dich direkt in den Flow führen.

So geht's:

  • Starte langsamer als gewohnt
  • Verbinde jede Bewegung mit einem Atemzug
  • Schließe die Augen, wenn du dich sicher fühlst
  • Lass los von der Idee, wie es aussehen "sollte"
  • Spüre, wie dein Körper sich bewegen will

Es geht nicht darum, die perfekte Form zu finden. Es geht darum, ganz da zu sein. Bei dir. In deinem Körper. In diesem Moment.

Mein Tipp: Probier mal 5 Sonnengrüße in Folge, ganz langsam, mit geschlossenen Augen. Du wirst überrascht sein, wie anders sich das anfühlt.

3. Body Scan: Vom Kopf in den Körper

Diese Übung ist perfekt, um dich auf deine Praxis vorzubereiten – oder als eigenständige Mini-Meditation.

So geht's:

  • Leg dich hin oder setz dich bequem
  • Schließe die Augen
  • Wandere mit deiner Aufmerksamkeit langsam durch deinen Körper
  • Starte bei den Füßen, ende am Scheitel
  • Nimm einfach nur wahr, ohne zu bewerten

Du musst nichts verändern. Nichts reparieren. Nur wahrnehmen.

Mein Tipp: 2-3 Minuten reichen schon aus. Das Ziel ist nicht, in irgendeinen besonderen Zustand zu kommen. Das Ziel ist, anzukommen. Bei dir.

Flow State im Alltag – kleine Momente, große Wirkung

Und weißt du was? Flow muss nicht auf der Yogamatte passieren.

Du kannst Flow erleben beim Kochen, wenn du ganz vertieft bist in das Schneiden von Gemüse. Beim Spazierengehen, wenn du plötzlich merkst, dass du seit zehn Minuten nicht auf dein Handy geschaut hast. Beim Schreiben, Malen, Gärtnern, Musizieren.

Die Frage, die mir dabei hilft, ist ganz einfach: Wo vergesse ich die Zeit?

Denn genau dort ist dein Flow versteckt. Genau dort bist du ganz da, ganz präsent, ganz lebendig.

Vielleicht magst du dir einen Moment nehmen und diese Frage wirklich beantworten. Nicht im Kopf, sondern mit dem Stift in der Hand. Schreib auf, bei welchen Tätigkeiten du die Zeit vergisst. Und dann: Mach mehr davon.

Flow ist kein Ziel, sondern eine Entscheidung

Ich glaube, wir suchen oft nach dem Flow State, als wäre er ein Ort, an den wir gelangen müssen. Ein Gipfel, den wir erklimmen. Ein Ziel, das wir erreichen.

Aber so funktioniert das nicht.

Flow ist kein Ort. Flow ist eine Entscheidung. Die Entscheidung, ganz hier zu sein. Die Entscheidung, deine alten Muster mit Mitgefühl anzuschauen, statt gegen sie zu kämpfen. Die Entscheidung, dir selbst zu vertrauen – auch wenn es sich ungewohnt anfühlt.

Du musst nicht perfekt sein, um im Flow zu leben. Du musst nicht alles loslassen. Du musst nicht jahrelang meditieren.

Du darfst genau so anfangen, wie du jetzt bist. Mit deinen Stärken. Mit deinen Schwächen. Mit allem, was dich ausmacht.

Denn deine Schwächen sind nicht gegen dich. Sie wollen dir den Weg zeigen. Und manchmal führen sie dich genau dahin, wo dein größtes Potenzial wartet.

Patricia Römpke

Patricia Römpke

Zertifizierte Yogalehrerin, Ausbilderin & Gründerin von Patricia Römpke Yoga

Patricia Römpke ist erfahrene Yogalehrerin, Ausbilderin, mehrfache Buchautorin und Gründerin von Patricia Römpke Yoga. Mit über 15 Jahren Unterrichtserfahrung begleitet sie Menschen auf ihrem individuellen Yogaweg – von Einsteiger:innen bis zu angehenden Lehrkräften. Ihre zertifizierten Yoga-Ausbildungen und Retreats stehen für persönliche Entwicklung, achtsame Begleitung und praxisnahe Transformation – online, hybrid und vor Ort auf Zypern. Patricia vermittelt Yoga nicht nur als Technik, sondern als Weg zu mehr Bewusstsein, innerer Freiheit und authentischer Lebensfreude.

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